Afrika Senegal Tour

Zahnarzt à la Casamance

Manchmal werden Alpträume wahr.

Knack – und ein Stück Krone ist abgebrochen. Horror. Im Senegal zum Zahnarzt!
Bei unserem Reisebeginn Richtung Südafrika, mittlerweile vor 17 Monaten, hatte ich die Befürchtung, dass ein Zahnarztbesuch vielleicht irgendwo mitten im Kongo sein muss. Jetzt hat es mich im Senegal erwischt – auch nicht viel besser. Dakar mit europäischem Standard ist weit weg und wir wollen im Moment die Casamance mit unserem Traveltiger nicht verlassen. Unser Standort in Diembéring ist in unserer derzeitigen Situation perfekt, denn wir wollen hier abwarten, wie sich die Corona-Lage weiterentwickelt.

Skurril für die einen, absolut wichtig für die anderen: Fetische über dem Entree.

Da wir nichts Gutes über den Zahnarzt in dem 15 Kilometer entfernten Cap Skirring gehört haben, mache ich mich auf den langen Weg nach Ziguinchor, was 160 km Taxifahrt bedeutet. Um pünktlich in der Praxis zu sein, bin ich schon um 6.30 Uhr am Taxistand in Diembéring, ein Fußmarsch von 20 Minuten durch tiefen Sand, Staub und Dreck.

Die Überlandfahrt ist nicht so prickelnd, auch wenn jetzt im Frühjahr die Casamance grüner wird und die Bolongs im frühen Morgendunst zauberhaft funkeln. Es ist immer lebensgefährlich mit den Taxiflitzern zu fahren, denn auf der Straße ist allerhand an Mensch und Tier unterwegs – ich bin heilfroh, in Ziguinchor anzukommen.

Dreimal Hölle und zurück.

Episode 1
Nach dem ersten Besuch habe ich noch ein neutrales Gefühl. Mein Zahn wurde schnell versorgt und der Zahnarzt schaut nach einer Entzündung. Die Röntgenaufnahme wird direkt auf dem Behandlungsstuhl gemacht – ohne Strahlenschutz – auch für den Helfer.

Zum verzweifeln – der Wartebereich ist voll, heiß und entnervend.

Schon bei meiner ersten Untersuchung wundere ich mich darüber, dass ständig Leute ins Behandlungszimmer kommen, die sicher nicht zum Praxisteam gehören. Das Team besteht aus dem Doktor und seinen drei Mitarbeitern, im Sekretariat und in der Assistenz. 

Direkt zu Beginn wird der Preis für die Behandlung und die neue Keramikkrone abgerechnet. Der Höhe erstaunt mich, ich hätte nicht mit solchen Kosten gerechnet, denn sie sind wie in Deutschland. Ich bin mir sicher, mal wieder den ,Toubab‘ (so nennt man die Weißen im Senegal) Preis zu zahlen, denn ein Senegalese wird sich dies kaum leisten können. Es ist durchaus üblich, als Weißer im Senegal bei allem 100-bis 400 Prozent Aufschlag zu zahlen. Ist man lange genug hier, kennt man das und verhandelt. Jedoch habe ich beim Zahnarzt keine Argumente und zahle kommentarlos die geforderte Summe.

Die Anmeldung.


Episode 2
Bei meinem zweiten Besuch bin ich so gut drauf, dass ich mir eine Zahnreinigung gönne und akzeptiere den Preis, der sogar höher liegt, als der in Deutschland! Allerdings liegen Welten und 60 Minuten zwischen einer professionellen Zahnreinigung bei meinem Zahnarzt in Deutschland mit ausgebildetem Fachpersonal und der Zahnreinigung in Ziguinchor. Der Assistent ist nach 10 Minuten fertig. Relativ ungewöhnlich, dass im Senegal mal etwas schneller geht als in Europa!

Heute bekomme ich das Provisorium eingesetzt. Meines Erachtens völlig unnötig, da die erste Versorgung vor einer Woche gut gehalten hat und man sich sicher dieses zweite Prozedere hätte sparen können. Vor allem, weil ich jetzt große Schmerzen aushalten muss.

Ob behandelt wird oder nicht, jeder kann in den Behandlungsraum kommen.

Der Bohrer stinkt und qualmt, denn es gibt keine Wasserkühlung. Der Assistent steht mit einer Wasserspritze neben mir und ständig bekomme ich Partikel inklusive dem Wasserstrahl in den Hals. Da es keinen Speichelabsauger gibt, schlucke ich zwangsläufig alles hinunter. 

Das Speibecken ist verstopft und der Wasserzulauf für den Becher funktioniert nicht. Der Behandlungsstuhl scheint auch defekt zu sein, denn er wird in seiner Position nie verändert und ich liege flach und hart wie ein Brett. Jedes Spülen ist mit einem sit up verbunden und da nicht abgesaugt wird, werde ich sehr oft aufgefordert, auszuspucken. Tage später habe ich an der Wirbelsäule und an den linken Rippen viele blaue Flecken.

Es ist heiß, 39 Grad sind es in Ziguinchor, in der Praxis gibt es keine Airconditioning und der Ventilator ist ausgeschaltet.

Der Abdruck für die spätere Krone ist eine Katastrophe und eine Tortur, denn der Abdrucklöffel ist riesig und kann kaum in meinen Mund gebracht werden. Als der der Arzt den Löffel hinunter drückt, jaule ich vor Schmerzen, weil sich das Metall in mein Kiefergelenk presst. Hinterher habe ich einen Striemen an der Wangeninnenseite und noch Tage später starke Schmerzen am Unterkieferzweig. Natürlich konnte der Abdruck auch nicht richtig genommen werden.

Mit einer Trockenlegung des Zahns vor Versorgung wird sich nicht lange aufgehalten. Wenn ich mir vorstelle, was mein geliebter Zahnarzt in Deutschland einen Act mit der Trockenlegung der Zahnfläche hält! 🤣 Hier bekommt man zwei Tampons in den Mund, é basta!

Während der Behandlung kommen immer wieder Patienten an mir vorbei um sich mit dem Zahnarzt zu besprechen. Abgesehen davon, dass der Zahnarzt dadurch immer wieder die Behandlung unterbricht, fühle ich mich dabei wie nackt.

Ein ,biss’chen zu groß.

Das Provisorium ist eine Katastrophe und passt vorne und hinten nicht. Aber nicht das Provisorium wird dem Zahn angepasst, sondern mein Zahn dem Provisorium! Nach dem Termin habe ich Blutergüsse im Mund und außen an den Lippen und sehe aus, wie nach einer Schlägerei.

Episode 3
Heute habe ich richtig Angst vor dem Termin und hoffe, dass die Krone besser passt, als das Provisorium, das mir arge Probleme bereitet. Da ich einen festen Termin habe und ein Einsetzen sicher nicht lange dauert, bin ich zuversichtlich, schnell wieder zurück bei meinen Liebsten zu sein. Leider habe ich mich geirrt!

Sich in Geduld üben – etwas, das man im Senegal lernen kann.

Fünf Stunden sitze ich bei 39 Grad mit vielen anderen Patienten dicht an dicht im Wartebereich. Abstandsregeln der Corona-Maßnahmen gibt es nicht. Die Menschen haben keine Hemmungen und legen sich einfach kurzerhand schlafen. Aus jeder Ecke hört man das Schnarchen und ein strenger Geruch von Körperausdünstungen liegt in der Luft. Auf meinem Kunstledersessel kann ich kaum noch sitzen, ich bin völlig durchgeschwitzt und die Kleidung klebt am Körper.

Endlich werde ich aufgerufen, doch mit der Behandlung wird nicht begonnen, denn der Zahnarzt führt mehrere Telefonate – auch direkt am Behandlungsstuhl – eine Hand am Telefon, die andere am Bohrer.

Nach fünf Stunden Wartezeit bin ich die Einzige, die sich noch aufrecht hält.

Wieder kommen Fremde zur Tür hinein, unter anderem ein Franzose, der schon nach 40 Minuten Wartezeit die Nerven verliert und mit dem Zahnarzt in Kolonialstil darüber streitet, dass er einen Termin hatte und nun nicht mehr länger warten will. Währenddessen trocknet der Kleber in meinem Mund und die ganze Prozedur beginnt von vorne. Ich bin nun wirklich wütend, kann aber mit Tampon gefülltem Mund nicht schimpfen, so gestikuliere ich meinen Unwillen hinaus!
Wieder wird der Zahn passend zur Krone abgeschliffen, die Krone ist ein Klumpen in meinem Mund, es gibt keine Zahnzwischenräume mehr und noch Stunden später blutet mein Zahnfleisch. Die vielen Klebereste entferne ich später selbst. Die Krone ist hässlich und zu hoch, von Zahnästhetik Lichtjahre entfernt. Trotzdem bin ich einfach nur froh, alles hinter mir zu haben.

Ich habe mich noch nie so sehr nach meinem Zahnarzt gesehnt wie heute. Diese Behandlung war für mich psychisch wie körperlich eine schreckliche Belastung, verbunden mit unnötigen Schmerzen und Stress. Seit der Behandlung habe ich permanent Schmerzen. Auch wenn ich dies keinem wünsche, muss ich doch dankbar sein, denn viele Senegalesen können sich eine Zahnbehandlung gar nicht leisten.

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