Afrika Senegal Tour

Zahnarzt à la Casamance

Manchmal werden Alpträume wahr.

Knack – und ein Stück Krone ist abgebrochen. Horror. Im Senegal zum Zahnarzt!
Bei unserem Reisebeginn Richtung Südafrika, mittlerweile vor 15 Monaten, hatte ich die Befürchtung, dass ein Zahnarztbesuch vielleicht irgendwo mitten im Kongo stattfindet. Jetzt hat es mich im Senegal erwischt – auch nicht viel besser. Dakar mit europäischem Standard ist weit weg und wir wollen im Moment die Casamance mit unserem Traveltiger nicht verlassen. Unser Standort in Diembéring ist in unsere derzeitigen Situation perfekt und wir wollen hier weiter abwarten, wie sich die Corona-Lage in Deutschland entwickelt.

Skurril für die einen, absolut wichtig für die anderen: Fetische über dem Entree.

Da wir nichts Gutes über den Zahnarzt in dem 15 Kilometer entfernten Cap Skirring gehört haben, mache ich mich auf den langen Weg nach Ziguinchor zum Zahnarzt. Das bedeutet 160 km Fahrt mit dem Taxi.
Um pünktlich in der Praxis zu sein, muss ich mich schon um 8.30 Uhr zum Taxistand begeben, ein Fußmarsch von 15 Minuten durch tiefen Sand und Staub.

Die Überlandfahrt ist nicht so prickelnd, auch wenn jetzt im Frühjahr die Casamance immer grüner wird und die Bolongs im frühen Morgendunst zauberhaft funkeln. Es ist immer gefährlich, mit den Taxiflitzern zu fahren, denn auf der Straße ist allerhand an Mensch und Tier unterwegs, und ich bin immer froh, heil mein Ziel zu erreichen.

Dreimal Hölle und zurück.

Episode 1
Nach dem ersten Besuch habe ich noch ein neutrales Gefühl. Mein Zahn wurde kurz versorgt und der Zahnarzt will schauen, ob es eine Entzündung gibt. Die Röntgenaufnahme wird direkt auf dem Behandlungsstuhl ohne Strahlenschutz – auch für den Helfer – vorgenommen.

Zum verzweifeln – der Wartebereich ist voll, heiß und entnervend.

Schon bei meiner ersten Untersuchung wundere ich mich darüber, dass ständig Leute ins Behandlungszimmer kommen, die sicher nicht zum Praxisteam gehören. Das Team besteht aus dem Doktor und seinen drei Mitarbeitern, im Sekretariat und in der Assistenz. 

Direkt zu Beginn wird der Preis für die Behandlung und die neue Keramikkrone abgerechnet. Der Höhe erstaunt mich, ich hätte nicht mit solchen Kosten gerechnet, denn es ist ein Preise wie in Deutschland. Ich bin mir sicher, mal wieder den Toubab- (so nennt man die Weißen im Senegal) Preis bezahlt zu haben, denn ein Senegalese wird sich dies kaum leisten können. Es ist durchaus üblich, als Weißer im Senegal bei allem 100-bis 400 Prozent Aufschlag zu zahlen. Ist man lange genug hier, kennt man das und handelt. Jedoch habe ich beim Zahnarzt keine Argumente und zahle kommentarlos die geforderte Summe.

Die Anmeldung.


Episode 2
Bei meinem zweiten Besuch bin ich so gut drauf, dass ich mir eine Zahnreinigung gönne und akzeptiere den Preis, der sogar höher liegt, als der in Deutschland! Allerdings liegen Welten und 60 Minuten zwischen einer professionellen Zahnreinigung bei meinem Zahnarzt in Deutschland mit ausgebildetem Fachpersonal und der Zahnreinigung in Ziguinchor. Der Assistent ist nach 10 Minuten fertig. Relativ ungewöhnlich, dass im Senegal mal etwas schneller geht als in Europa.

Heute bekomme ich das Provisorium eingesetzt. Meines Erachtens völlig unnötig, da die erste Versorgung vor einer Woche gut gehalten hat und man sich sicher dieses zweite Prozedere hätte sparen können. Vor allem, weil ich große Schmerzen aushalten muss.

Ob behandelt wird oder nicht, jeder kann in den Behandlungsraum kommen.

Der Bohrer stinkt und qualmt, denn es gibt keine Wasserkühlung. Der Assistent steht mit einer Wasserspritze daneben und ständig bekomme ich Partikel inklusive dem Wasserstrahl in den Hals. Da es keinen Speichelabsauger gibt, schlucke ich zwangsläufig alles hinunter. 

Das Speibecken ist verstopft und der Wasserzulauf für den Becher funktioniert nicht. Der Behandlungsstuhl scheint auch defekt zu sein, denn er wird in seiner Position nie verändert und ich liege sofort flach. Hart wie ein Brett ist der Stuhl und jedes Spülen ist mit einem sit up verbunden. Da nicht abgesaugt wird, werde ich sehr oft aufgefordert, auszuspucken. Tage später habe ich an der Wirbelsäule und an den linken Rippen viele blaue Flecken.

Es ist heiß, 39 Grad sind es in Ziguinchor, in der Praxis gibt es keine Airconditioning und der Ventilator ist ausgeschaltet.

Der Abdruck für die spätere Krone ist eine Katastrophe und eine Tortur, denn der Abdrucklöffel ist riesig und kann kaum in meinen Mund gebracht werden. Als der der Arzt den Löffel hinunter drückt, jaule ich vor Schmerzen, weil sich das Metall in mein Kiefergelenk presst. Hinterher habe ich einen Striemen an der Wangeninnenseite und noch Tage später starke Schmerzen am Unterkieferzweig. Natürlich konnte der Abdruck auch nicht richtig genommen werden.

Mit einer Trockenlegung des Zahns vor Versorgung wird sich hier nicht lange aufgehalten. Wenn ich mir überlege, was mein geliebter Zahnarzt in Deutschland einen Act mit der Trockenlegung der Zahnfläche hält! 🤣 Hier bekommt man zwei Tampons in den Mund, é basta!

Während der Behandlung kommen immer wieder Patienten an mir vorbei um sich mit dem Zahnarzt zu besprechen. Abgesehen davon, dass der Zahnarzt dadurch immer wieder die Behandlung unterbricht, fühle ich mich dabei wie nackt.

Ein ,biss’chen zu groß.

Das Provisorium ist eine Katastrophe und passt vorne und hinten nicht. Aber nicht das Provisorium wird dem Zahn angepasst, sondern mein Zahn dem Provisorium!
Nach dem Termin habe ich Blutergüsse im Mund und außen an den Lippen und sehe aus wie nach einer Schlägerei.

Episode 3
Heute habe ich richtig Angst vor dem Termin und hoffe, dass die Krone besser passt, als das Provisorium, das mir arge Probleme bereitet hat. Da ich einen festen Termin habe und ein Einsetzen sicher nicht lange dauert, bin ich zuversichtlich, schnell wieder zurück bei meinen Liebsten sein zu können. Leider habe ich mich geirrt!

Sich in Geduld üben – etwas, das man im Senegal lernen kann.

Fünf Stunden sitze ich bei 39 Grad mit vielen anderen Patienten dicht an dicht im Wartebereich. Die Menschen hier haben keine Hemmungen und legen sich einfach kurzerhand schlafen. Da wird aus fast jeder Ecke geschnarcht und ein strenger Geruch nach Körperausdünstungen liegt in der Luft. Auf meinem Kunstledersessel kann ich kaum noch sitzen, ich bin völlig durchgeschwitzt und die Kleidung klebt am Körper.

Endlich komme ich an die Reihe, doch mit der Behandlung wird nicht angefangen, denn der Zahnarzt führt mehrere Telefonate, auch direkt am Behandlungsstuhl mit einer Hand am Telefon und einer Hand am Bohrer.

Nach fünf Stunden Wartezeit bin ich die Einzige, die sich noch aufrecht hält.

Wieder kommen Fremde zur Türe rein, unter anderem ein Franzose, der schon nach 40 Minuten Wartezeit die Nerven verliert und mit dem Zahnarzt in kolonialistischem Stil darüber streitet, dass er einen Termin hatte und nun nicht mehr länger warten will. Währenddessen trocknet der Kleber in meinem Mund und die  ganze Prozedur beginnt von vorne. Ich bin nun wirklich wütend, kann aber mit Tampon gefülltem Mund nicht schimpfen, so gestikuliere ich meinen Unwillen heraus!
Wieder wird der Zahn passend zur Krone abgeschliffen, die Krone ist ein Klumpen in meinem Mund, es gibt keine Zahnzwischenräume mehr und noch Stunden später blute ich am Zahnfleisch. Die vielen Kleberreste entferne ich mir später selbst. Die Krone ist häßlich und zu hoch, von Zahnästhetik sind wir Lichtjahre entfernt. Trotzdem bin ich einfach nur froh, alles hinter mich gebracht zu haben.

Ich habe mich noch nie so sehr nach meinem Zahnarzt gesehnt wie heute. Diese Behandlung war für mich psychisch wie körperlich eine schreckliche Belastung, verbunden mit unnötigen Schmerzen und Stress. Auch wenn ich dies keinem wünsche, muss ich doch dankbar sein, denn viele Senegalesen können sich eine Zahnbehandlung nicht leisten.

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