Kulinarik Kultur Lettland

Lettland – Strawberry Fields forever đŸ“đŸ«¶

Eine Übernachtung am Luknas-See ist nett, aber nichts zum Bleiben. Ein junges PĂ€rchen gesellt sich zu uns, wir sitzen gemĂŒhtlich am Feuer, plaudern und bekommen von den beiden den Tipp, uns den berĂŒhmten Wallfahrtsort Aglona anzuschauen. Obwohl uns der Weg in die entgegengesetzt Richtung unserer geplanten Route fĂŒhrt, fahren wir am nĂ€chsten Morgen dorthin. Die Basilika MariĂ€ Himmelfahrt ist das geistliche Zentrum der Katholiken im sonst eher lutherisch geprĂ€gten Lettland, und die Wallfahrtsbasilika ist die wichtigste katholische Kirche des Landes. Sie liegt an einer Quelle, der man HeilkrĂ€fte nachsagt, doch leider ist das Heilige Wasser fĂŒr diesen Tag ausgetrunken. Viele Brautpaare stehen vor der mĂ€chtigen Kirche, zeitweise in langen Warteschlangen, um sich dort das Ja-Wort zu geben. Wir halten uns dort nicht auf.

ZemeƆu krastini, brievdienu mĂŁja – russische HĂ€uschen am Erdbeerstrand

Von Aglona aus machen wir uns auf den Weg zu nordöstlich gelegenen Seen, zu denen wir sicher nicht ohne den Stopp in Aglona gefahren wĂ€ren. Es gibt also doch keine ZufĂ€lle…
…und wieder einmal ist es einer dieser anstrengenden Fahr-Tage. Schon lange sehnen wir uns endlich nach einem mehrtĂ€gigen Aufenthaltsort – einen Stopp, bei dem wir endlich unser neues Faltkanu aufbauen und ausprobieren wollen. Eine reizvolle Seenlandschaft im Osten Lettlands mit dem RuĆĄon-See, Geranimov Ilze See und zahlreichen weiteren verbundenen Seen zieht uns magisch an. Gibt es keine natĂŒrliche Verbindung, so liegt der nĂ€chste See fußlĂ€ufig, sodass selbst ein Kanu hinĂŒbergetragen werden kann. Wir sind so heiß darauf, einen geeigneten Platz fĂŒr uns zu finden und angespannt suche ich auf der Karte nach einem passenden Übernachtungsplatz.

Am Erdbeerstrand bei Anita Reơčenko.

Dabei stolpere ich ĂŒber einen interessanten Titel: Erdbeerstrand – doch wir sind schon an dem Abzweig zu diesem abgelegenen Ort mit seinem rĂ€tselhaften Namen vorbei. Normalerweise kehren wir nicht um, wenn es noch weitere Optionen fĂŒr uns gibt und auch die Zeit drĂŒckt, ein passendes Lager fĂŒr die Nacht zu finden. Doch dieses Mal bitte ich Frank darum, obwohl uns eine eventuell erfoglose Anfahrt ĂŒber viele Kilometer schlechter, unbefestigter Wege sehr viel Zeit kostest. Eine fĂŒr uns brauchbare Information ĂŒber diesen Ort finde ich auf die Schnelle nicht, da das Netz miserabel ist, und so lockt einzig die Vorstellung dieser sĂŒĂŸen Frucht.

Am Erdbeerstrand

Die Ankunft an dem Seeufer verzaubert uns vom ersten Moment. Wenn es einen Ort in Lettland gibt, den ich immer wieder besuchen möchte, dann ist es der Erdbeerstrand von Anita Reơčenko. Diese Frau ist absolut einzigartig und eine faszinierende Persönlichkeit. Völlig abgelegen lebt sie mit ihrer Familie an dem Geranimov Ilze See und hat sich auf ihrem Besitz direkt an dessen Ufer ein kleines Paradies erschaffen. Anita’s Herzlichkeit ist ĂŒberwĂ€ltigend und wir fĂŒhlen uns nicht nur als Gast, sondern auch als Freund willkommen.

Morgens bringt uns Anita immer ein Geschenk vorbei. Die Eier haben ihre glĂŒcklichen HĂŒhner gelegt und die BlĂŒten sind frisch gepflĂŒckt.
Vor dem Genuss des herrlichen Omlettes deutet uns Anita aus dem Muster das GlĂŒck fĂŒr den Tag. Foto: Anita Reơčenko, LatgalesLaiksk
Anita macht natĂŒrlich auch KĂ€se – eine Delikatesse! Dazu gibt es lettische Trauben aus dem Garten und einen Tee aus frischer Pfefferminze, verschiedenen weiteren KrĂ€utern, BlĂŒten und FrĂŒchten.
Ein Kuchen aus FrischkĂ€se, Gries, Ei, Honig, Rosinen und verschiedenen Körnern. Dazu wie tĂ€glch: frisch gezupfte BlĂŒten. Yummi.
Der FrischkĂ€se von Anita – am besten: selber probieren. Einfach himmlisch…P.S. Die BlĂŒten der Nachtkerze schmecken mega!

Hier wollen wir bleiben, eine gute Entscheidung, denn wir genießen paradiesische Tage. Jeden Morgen beschenkt uns Anita mit ihren Leckereien aus eigener Produktion, betört uns mit einer Vielzahl von DĂŒften und serviert uns außergewöhnliche Pilze.

Ein uns unbekannter Pilz, den wir Anitas Empfehlung nach unbedingt roh und zum Wohle unserer Gesundheit sofort verzehren mĂŒssen – wir tun es.
Heute gibt es frische Rotfedern aus dem See.

In der herrlichen Landschaft unternehmen wir lange SpaziergĂ€nge und kommen auch endlich dazu, unser Faltboot aufzubauen. Tagelang kann man in dieser Region von einem See zum nĂ€chsten paddeln. Das Wasser ist glasklar und tief unten zwischen Seegras und Seerosen sehen wir die Fische in den Sonnenflecken blitzen. FĂŒr uns ist es die Jungfernfahrt in unserem neuen Faltboot, dass gerĂ€uschlos in dem herrlichen GewĂ€sser dahingleitet.

Unser nagelneues Pakboat. Wie lange wir beim ersten Mal fĂŒr den Aufbau brauchen, bleibt unser Geheimnis.
Paddeln auf dem Geranimov Ilze See, ein riesen Spaß.
Je nach Lust und Laune kann man auf den Seen mit seinem Boot Tages- bis Wochentouren unternehmen.

Anita Reơčenko – zu Gast bei der lettischen Sauna-Meisterin

Von Anita erfahren wir, dass sie die lettische Saunameisterin ist. Dass wir in einem Land sind, in dem die Bevölkerung schon seit Jahrhunderten diese Saunakultur praktiziert und hoch schÀtzt, wussten wir, doch haben wir bisher noch keine Gelegenheit gefunden, in diesem Land diese alte Tradition zu praktizieren. Das Saunaritual dient den Letten nicht nur, um sich zu sÀubern, sondern auch, um zu entspannen und seinen Geist zu reinigen. Das Saunen hilft, sich von Stress, Sorgen und Spannungen zu lösen. WÀhrend die Sauna aufheizt, bereitet Anita uns einen KrÀutertee zu, der das allmÀhliche AufwÀrmen fördert und hilft, sich an die Hitze der Sauna zu gewöhnen. Schon das hat etwas magisches an sich, denn der Raum hÀngt voller getrockneter KrÀuter, Wurzeln, und vielen der Natur entnommenen Talismane. Zudem stimmen uns ruhige KlÀnge aus einem unsichtbaren Lautsprecher sanft in das bevorstehende Ereignis ein.

Eine unvergessliche Begegnung: Anita Reơčenko. Magierin, Schamanin und Saunameisterin. Foto: Anita Reơčenko

Saunen, Baden, Entspannen

In Anitas eigenem Sauna-Blockhaus, dem „Badhaus“, entspannen wir im Duft der von ihr sorgsam gesammelten KrĂ€uter und lassen uns in ein unvergessliches und unvergleichbares Saunaerlebnis fallen. Das Ritual mit der lettischen Saunameisterin dient der Gesundheit und dem Wohlbefinden.
Zu Anitas Zeremonie gehört auch das Abschlagen des Körpers mit ZweigbĂŒndeln, die aus Zweigen verschiedener BĂ€ume hergestellt werden. FĂŒr ihre speziellen BĂŒndel nimmt Anita am liebtesten Birken-, Eichen-, Linden- und Wacholderzweige, doch als Meisterin ihres Fachs sucht sie auch spezielle Farne aus unterschiedlichen Regionen und besondere KrĂ€uter fĂŒr Gesundheit, Duft und Energie zusammen. Es ist eine lange Tradition, Sauna-Besen aus verschiedenen KrĂ€utern zu verwenden. Anita ist nicht nur eine Meisterin ihres Fachs, sondern auch eine Schamanin mit dem Wissen um die richtige Erntezeit der Vielzahl von unterschiedlichsten KrĂ€uter, Beeren und Pilzen. Als Heilerin hat sie selbstverstĂ€ndlich auch Kenntnisse ĂŒber deren gezielte Enwendung. Nach dem Abklopfen meines Körpers fĂŒhle ich, wie sich meine Durchblutung verbessert und sich meine Muskeln lockern.

Foto: Anita Reơčenko


Anita legt heiße Baumscheiben auf meinen RĂŒcken und Faszienrollen aus BirkenholzstĂ€mmen dienen ihr zur Anwendung. Alles duftet nach BlĂŒten, BlĂ€ttern, Honig und Erde und es dauert nicht lange, bis sich ein absolutes WohlgefĂŒhl einstellt. Mein Kopfkissen besteht aus einem dicken Strauß Wiesenblumen und -krĂ€utern und die Holzbank hat Anita mit frisch gepflĂŒcktem Riesenfarn ausgelegt. WĂ€hrend der Anwendung ist es ruhig, ab und zu murmelt Anita teilweise vor sich hin oder singt leise eine Melodie.

Auf duftenden Blumen und KrĂ€utern gebettet und von Anita verwöhnt. Foto: Anita Reơčenko

Alte Riten, mystische BrÀuche

Das Abschlagen ist Massage und Dufttherapie zugleich und hilft außerdem, sich von abgestorbenen Hautzellen zu befreien. Anitas Sauna ist ebenfalls ein Schönheitssalon, der alle Sinne verwöhnt. Verschiedene wohlriechende Öle kommen abschließend zum Ensatz und wĂ€hrend mein Kopf auf dem BlĂŒtenkissen ruht, pflegt Anita mit ihren selbst hergestellten Body-Scrubs, Salz, Lehm- und Honigpasten meine Haut.

Ich bin völlig ĂŒberrascht von dieser Form des Saunens, am meisten hat mich jedoch das Outfit von Anita beeindruckt, dass sie sich selbst aus Birkenrinde gearbeitet hat. So etwas habe ich noch nie zuvor gesehen und ich behaupte, dass von Anita etwas Magisches ausgeht.
Nach dem Ruhen erwartet uns noch eine weitere Überraschung am Badesteg, denn Anita hat uns mit Decken und Kissen einen romantischen Platz eingerichtet. Nach dem letzten Peeling mit Seeschlick und einem ausgiebigen Bad bei Sonnenuntergang mĂŒmmeln wir uns völlig zufrieden in Anitas wĂ€rmende Decken, lieben den Erdbeerstrand und schauen ĂŒber den See.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert